Die Verführer
Ausschnitt aus: Der weiße Dominikaner
(Gustav Meyrink)
"Trümmer, Balken gestrandeter Schiffe, die auf dem Ozean der
Vergangenheit treiben, hast du gesehen; aus seelenlosen Resten versunkener
Gestalten, aus vergessenen Eindrücken deines Geistes haben die lemurenhaften
Bewohner des Abgrundes das Bildnis unseres Meisters zum Hirngespinst geformt,
um dich zu täuschen, haben mit feiner Zunge zu dir geredet leere
hochklingende Worte der Betörung, um dich hineinzulocken, Irrlichtern
gleich, in die todbringenden Sümpfe der planlosen Taten, darinnen
schon Tausende vor dir und größere als du elendiglich versunken
sind. 'Selbstverzicht' nennen sie den Phosphorschein, mit dem sie ihre
Opfer überlisten, die Hölle hat frohlockt, als sie ihn angezündet
haben dem ersten Menschen, der ihnen vertraute. Was sie zerstören
wollen, ist das höchste Gut, das ein Wesen erringen kann: das ewige
Bewußtsein als Persönlichkeit. Was sie lehren, ist Vernichtung,
aber sie kennen die Gewalt der Wahrheit, darum sind alle Worte, die sie
wählen, Wahrheit - doch jeder Satz daraus geformt ist abgrundtiefe
Lüge.
Wo Eitelkeit und Machtbegier in einem Herzen wohnen, da sind sie zur Hand
und fachen diese trüben Funken an, bis sie glänzen wie helles
Feuer und der Mensch wähnt, in selbstloser Liebe für seinen
Nächsten entbrannt zu sein und hingeht und predigt, ohne berufen
zu sein - ein blinder Führer wird und mit den Lahmen in die Grube
stürzt. (...)
Wo sie sehen, daß ein Kristall sich bildet, der symmetrisch - ein
Ebenbild Gottes - zu werden verspricht, da bieten sie alles auf, ihn zu
zertrümmern. Keine Lehre des Ostens ist ihnen zu fein als daß
sie sie nicht vergröberten, bis sie das Gegenteil darstellt von dem,
was gemeint war. 'Vom Osten kommt das Licht', sagen sie und meinen heimlich
die Pest damit.
Die einzige Tat, die des Vollbringens wert ist: die Arbeit am eigenen
Selbst, nennen sie Selbstsucht; Weltverbessern, aber nicht wissen wie,
- Habsucht mit dem Namen 'Pflicht' bemänteln und Neid mit 'Ehrgeiz',
das sind die Gedanken, die sie den irrenden Sterblichen einflößen.
Das Reich zersplitternden Bewußtseins ist ihr Zukunftstraum, Besessenheit
allüberall ihre Hoffnung; sie predigen den Mund der Besessenen das
'tausendjährige Reich' wie einst die Propheten, aber daß das
Reich 'nicht von dieser Welt' ist, solange die Erde sich nicht verwandelt
und der Mensch durch die Wiedergeburt des Geistes - das verschweigen sie;
sie strafen die Gesalbten Lügen, indem sie die Reife der Zeit vorwegnehmen.
Wenn ein Heiland kommen soll, äffen sie ihm vor; wenn er geht, äffen
sie ihm nach.
Sie sagen: tritt als Führer auf! wohl wissend, daß nur einer
führen kann, der vollkommen geworden ist. Sie drehen es um und betrügen:
führe, so wirst du vollkommen.
Es heißt: wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch den Verstand;
sie aber suggerieren: nimm dir ein Amt, und Gott wird dir den Verstand
geben.
Sie wissen: das Leben auf Erden soll ein Zustand des Übergangs sein,
darum locken sie listig: 'mach ein Paradies aus dem Diesseits', wohl kennend
die Vergeblichkeit solcher Mühe."
ausgewählt von Br.: Thomas
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